RIO Länderbericht Deutschland 2014 veröffentlicht

Der jährliche RIO Länderbericht der Europäischen Kommission wertet die Entwicklung der deutschen Forschungs- und Innovationssysteme und Strategien in Hinblick auf die Strategien und Ziele der EU aus.

Das Hauptaugenmerk liegt dabei auf den jüngsten nationalen Strategien und Systementwicklungen und der Frage, wie wirksam die deutschen Strategieprioritäten den strukturellen Herausforderungen des Forschungs- und Innovationssystems begegnen. Der Bericht baut auf der Erfahrung des ERAWATCH*) Projekts auf.

Laut RIO Länderbericht 2014 hat Deutschland das größte Forschungs- und Entwicklungs- (FuE)-System in Europa. Der EU Forschungs- und Innovationsanzeiger 2014 führt Deutschland zusammen mit Schweden, Dänemark und Finnland an der Spitze der EU-Mitgliedsstaaten auf. Sowohl auf Bundes- und Länderebene als auch in der Wirtschaft spielt Forschung- und Innovation bei allen Entscheidungen eine große Rolle.

 

Im Jahr 2014 verdienten dem Bericht zufolge drei politische Strategiepapiere besondere Aufmerksamkeit. So hat die Bundesregierung ihre Hightech Strategie**) erneuert, welche sich seit 2010 insbesondere auf den gesellschaftlichen Bedarf an zukunftsfähigen Lösungen und deren Realisierung konzentriert. Mit der Digitalen Agenda***) 2014-2017 sollen die Chancen, die der digitale Wandel bringen kann gefördert werden. Als dritten Punkt nennt der Rio-Bericht ein Strategiepapier der Bundesregierung zur Förderung der internationalen Forschungszusammenarbeit und Mobilität innerhalb des Europäischen Forschungsraums (ERA).

 

Von Bedeutung war auch die Änderung des Artikels 91b der Verfassung im Dezember 2014, durch die dem Bund eine größere Einflussnahme auf die Finanzierung von Universitäten eingeräumt wurde. In der Folge haben der Bund und die Länder sich darauf geeinigt, den Pakt für Forschung und Innovation, den Hochschulpakt und die Exzellenziniative zu verlängern. Die steigende Anzahl von Finanzhilfen durch den Europäischen Forschungsrat (ERC) wird auf das positive Signal dieser Einigungen zurückgeführt.

 

Auf der Wirtschaftsebene erwähnt die Studie neben den Innovationen im Produkt- und Prozessbereich auch die Fähigkeit deutscher Firmen, neuartige Organisations- und Marketingformen einzusetzen. Durch Patente, Urheberschutz und Designschutz ist Innovation für Unternehmen zudem auch ökonomisch sinnvoll.

 

Die Studie nennt allerdings auch Bereiche, in denen das deutsche FuE-System noch vor Herausforderungen steht. An erster Stelle wird die Abwanderung von erfahrenen Forschern an ausländische Institute genannt, die nicht durch entsprechende Einwanderungszahlen ausgeglichen wird. Außerdem steht Deutschland zunehmend in Konkurrenz mit anderen Staaten, wenn es um die Attraktivität  für FuE-Zentren von Hightech-Unternehmen geht. Im mittleren Hightech-Sektor zieht es die Firmen häufiger in Schwellenländer. Bei diesem Problem könnte die Exzellenzinitiative zur Lösung beitragen, indem sie hilft, hervorragende Forschungs- und Studienumgebungen zu schaffen.

 

Als weitere Herausforderung wir die demographische Entwicklung genannt. In der bekanntermaßen alternden Gesellschaft sinkt die Zahl der verfügbaren Wissenschaftler und Ingenieure. Ungünstig könnte sich darüber hinaus auswirken, dass sich Abiturienten immer seltener für einen Ausbildungsberuf entscheiden. Bisher konnte Deutschland von einer guten Mischung aus akademischem Wissen und praxisnaher Erfahrung profitieren. Es ist zu befürchten, dass sich der Rückgang an erfahrenen Facharbeitern und der damit verbundene Verlust an praktischem Wissen nicht durch Universitätsabsolventen auffangen lassen.

 

Verglichen mit anderen Ländern hat Deutschland ein Defizit im Bereich Unternehmertum für den Hightech-Sektor. Während gute Karrieremöglichkeiten in bereits existierenden Firmen des Sektors bestehen, ist Finanzierung für Hightech-Unternehmer schwierig und für Risikokapital gibt es nur einen kleinen Markt.

 

Im Fazit sieht der RIO-Bericht Deutschlands Forschungs- und Entwicklungsbereich gut aufgestellt und für die Zukunft gerüstet.  Im Bereich Innovation werden die etablierten Mechanismen zum Wissenstransfer und politische Initiativen wie „Spitzencluster“***) gelobt. Das öffentliche Auftragswesen trägt wesentlich zur Nachfrage nach neuen FuE-politischen Potentialen bei, wird aber in dem Bericht als zu fragmentiert bewertet.

 

Quelle: Webportal des Joint Research Centre (JRC) Research and Innovation Observatory (RIO)

 

*) ERAWATCH: bietet Informationen über europäische, nationale und regionale Forschungssysteme, Forschungspolitik und -programme in der EU und darüber hinaus. Es unterstützt die evidenzbasierte Politikgestaltung in Europa und trägt zur Gestaltung des Europäischen Forschungsraums (EFR) bei.

**) Hightech Strategie: damit zielt die deutsche Bundesregierung darauf ab, ein optimales Umfeld für Ideen, ihre Umsetzung in marktfähige Produkte und Dienstleistungen, mehr Wertschöpfung und neue zukunftssichere Beschäftigungspotenziale zu schaffen.

 

***) Digitale Agenda: gibt die Leitlinien der Digitalpolitik der Bundesregierung vor und bündelt Maßnahmen auf sieben zentralen Handlungsfeldern, darunter „digitale Infrastruktur“, „digitale Wirtschaft & Arbeiten“, und „Bildung, Forschung, Wissenschaft, Kultur und Medien“.

 

****) Spitzencluster: Cluster vernetzen Unternehmen, Hochschulen, Forschungseinrichtungen und weitere Akteure einer Region entlang einer Wertschöpfungskette. Mit dem Spitzencluster-Wettbewerb hat das Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) 2007 eine bundesweite, technologieoffene Clusterförderung, die eine langfristige Strategie voraussetzt, ins Leben gerufen.